Kolumne

Mein „Aufwachsen“ mit der Modellbahn. Der „Modellbahnbazillus“ springt über! - Teil 1

Bei vielen Modellbahnern begann die Lust an der Modelleisenbahn sicher mit einem Kreis aus einer Geschenkpackung bei einem Geburtstag oder zu Weihnachten. Bei mir begann alles ganz anders: Zu Hause hatte mein Vater, soweit ich mich erinnern kann, eine raffinierte PIKO-Anlage. Da wusste man, dass hiermit die Spur H0 gemeint war. Die Züge verschwanden im Tunnel und kamen ganz woanders wieder heraus. Während des Bauvorganges wurde die große Anlage in die Küche gestellt. Dort wo das Familienleben pulsierte, herrschte nun der Modellbahnbaubetrieb.

Das waren immer 14 Tage vor Weihnachten, die interessantesten Tage für meinen Bruder und mich. Immer mit schimpfen und meckern unserer Mutti verbunden, die nun um die Anlage herum turnen musste, wo mein Vater und wir sowieso immer im Wege standen. Trotzdem gab es die üblichen Mahlzeiten, etwas zeitversetzt, aber das war uns Kindern egal. In der Küche war der Duft von gekochtem Perlleim, Zigarettenrauch (vom Vater) und der säuerliche aber angenehme Duft vom Lötfett zu riechen, welches mit mächtigen Dampfwolken an den Lötstellen der zusammengeschobenen Pilzgleise auf sich aufmerksam machte. Damit wir Kinder beschäftigt waren, durften wir mit einem braunen Tonnendachwagen auf dem vorderen Bahnhofsgleis etwas hin- und herfahren bzw. schieben. Das waren Höhepunkte!

Fotos aus dem Jahr 1961 mit einem Format 8x8cm. Anlagenmaße 3,2m x 1,5m !

Fotos aus dem Jahr 1961 Fotos aus dem Jahr 1961


Zum Heiligen Abend hin wurden dann die Türen zum Korridor ausgehangen und das unhandliche Anlagenteil mit Freunden des Hauses in die gute Stube gestellt. Leider gibt es nicht viele Fotos von der landschaftlich schönen Anlage mit der liebevoll gemalten Kulisse. Über die Feiertage wurde nun Bahnbetrieb durchgeführt. Die Motoren der Lokomotiven brachten herrliche Gerüche hervor. Es war auch eine Freude, das Funkenfeuer der Motorkohlen in der BR 64 und BR 75 zu beobachten. Noch aufregender war allerdings, als unser Wellensittich auf der Anlage zur Landung ansetzte und im Tunnel verschwand. Er schimpfte was das Zeug hielt, und die einfahrenden Züge, die unseren Vogel wieder heraus treiben sollten, wurden von ihm einfach umgekippt. Wir hatten großen Spaß dabei, nur unser Vater nicht!
Bei einer Entgleisung mit Kurzschluss flog aus dem schwarzen Trafo der Sicherungsknopf im hohen Bogen durch das Zimmer und alle durften auf die Suche gehen. Dieser Trafo war ein richtiges Ungetüm und wir hatten damals richtig Angst davor! Alle Weichen auf der großen H0-Anlage wurden gestellt über ein besonderes Pult. Alle Weichen hatten eine Zugfeder für die Grundstellung und der Seilzug erfolgte mittels Sternzwirn und einem Hebel, der richtig eingerastet werden musste. Das hatte schon was von der richtig großen Eisenbahn für uns. Besser waren noch unsere dampfenden Waggons gleich hinter der Lok. Es wurden auf etwas Silberpapier vom Vater ein paar Räucherkerzchen postiert, die bei schneller Fahrt eine hübsche Rauchfahne aufsteigen ließen. Auf der Anlage waren ein paar Häuser und natürlich auch das Bahnhofsgebäude beleuchtet. Die drei Bahnhofslampen erhellten das ganze Wohnzimmer. Sehr stimmungsvoll! Beleuchtete Waggons hatten wir damals noch nicht, deshalb stellte unser Vater ein paar kleine Kerzen auf die offenen Wagen, was zur Folge hatte, das der Zug beim halt im Tunnel, diesen sofort in Brand steckte. Da war das Geschrei in der guten Stube groß. Mit zwei großen Töpfen Wasser konnte der ganze Spuk beendet werden. Mutti fand das gar nicht toll, war aber froh darüber, dass unsere Gardinen nicht vom Feuer ergriffen wurden.
Das war auch schon so annähernd das Ende unserer Modellbahn in der Nenngröße H0. Jahre darauf kam die Neuheit „TT“ ins Spiel. Die nun zu bauende Anlage wurde entsprechend kleiner. So hat es das Familienoberhaupt festgelegt! Da unser Vater ein Tüftler war, entschloss er sich zum Bau einer Klappanlage. Dieses quadratische Teil hat ja den Vorteil, das es aufgeklappt doppelt so lang ist und im „Kasten“ auch alle Hochbauten wie Häuser, Berge und Bäume verschwinden können. Daher kommt sicher auch meine Liebe zu derartigen Anlagen. Sind für mich praktischer als die im Moment vielerorts gebauten Modulanlagen. Ist allerdings alles Ansichtssache.
Die nun in der Küche entstehende TT-Klappanlage hatte einen recht simplen Gleisplan aber mit dem Hintergrund, das vom vorderen Bahnhof zwei Züge in die unterschiedlichen Richtungen ausfahren konnten und sich im Tunnel begegneten. Vorausgesetzt, dass die Weichen im Tunnel auch die richtige Stellung hatten. Auf der Bergstrecke fuhr eine BR 92 mit zwei Personen- und einem Gepäckwagen zum oberen Bahnhof, setzte dort nach überfahren der „Fest-Entkuppler“ um, und fuhr wieder nach unten. Drei Züge waren also ständig im Einsatz und auf Augenhöhe war das ein wunderbares romantisches Erlebnis. Die Häuser waren beleuchtet und es sind wunderbare Erinnerungen mit dieser TT-Anlage verbunden. Diese Anlage überlebte auch ohne Feuerwehreinsatz! Mit einem Trafo ME002 von PIKO (der heute noch existiert und funktioniert) und ein paar großen schwarzen Umschaltern erfolgte die Steuerung der Anlage. Die Schalter waren geschickt an der vorderen Anlage postiert. Die Häuserbeleuchtung erfolgte mittels Kippschalter für jedes einzelne Haus. Das war toll.
Während meiner Schulzeit baute ich meine erste Anlage in Spur S. Das war nur ein Kreis mit drei Weichen, also ein Abstell- und ein Überholgleis drauf. Die Anlagengrundplatte erhielt ich vom „VEB Laden- und Fernsprechzellenbau“, der bei uns gleich gegenüber war. Es war eine „Werbetafel“ mit Losungen darauf, die nach einem Jahrestag übrig war. Die Spur S war dann für die Wohnung doch etwas zu groß und ich kramte das TT-Material vom Vater raus. Da sich unsere Eltern getrennt hatten, war nur wenig bei uns geblieben. Auf besagter Grundplatte entstand nun in der Spur der Mitte eine Anlage. Da reichte mein Taschengeld kaum für die Gleise. Oft wurde aus der Innenstadt nach Hause gelaufen, weil der Groschen für die Rückfahrt mit der Straßenbahn nicht da war! Das waren Zeiten! Ein großes gebogenes Gleisstück kam damals 65 Pfennige.

Im Teil 2 erfahren sie wie es nach der Berufsausbildung weiter ging.

Aus der „Feder“ von Thomas M.
Leipzig, im Mai 2011